Einleitung

Wer bei Google ist, ist es meist kostenlos – und genau das macht den Ausstieg schwer: Alternativen müssen sich nicht nur an Datenschutz und Funktionsumfang messen lassen, sondern auch am Preis. Dieser Bericht testet, ob ein Alltag ohne Google realistisch ist, mit Fokus auf E-Mail, Kontakte, Kalender und Karten/Navigation. Betrachtet werden ausschließlich kostenlose Angebote, GMX/Web.de scheiden als werbefinanzierte Dienste mit ähnlichem Geschäftsmodell wie Google von vornherein aus.

Auch die Google-Suche selbst gehört natürlich dazu - hier bin ich aber schon einen Schritt weiter: Da ich schon längere Zeit Brave als Browser nutze, kommt bei mir seit einer Weile ohnehin keine Google-Suche mehr zum Einsatz.

E-Mail

Verglichen wurden Google Mail, Infomaniak, Proton, Mailbox.org, Tuta, Posteo und Mailfence - jeweils mit Fokus auf den kostenlosen Tarif.

Anbieter Land E-Mail-Speicher (Free) Kalender/Kontakte (Free) Bemerkung
Google Mail USA 15 GB ja Referenzpunkt
Infomaniak Schweiz 20 GB + 15 GB Cloud ja, volles IMAP/POP/SMTP Siehe Praxistest unten
Proton Schweiz 1 GB (500 MB ohne Freischaltung) ja (Proton Calendar als App) Siehe Praxistest unten
Tuta Deutschland 1 GB 1 Kalender, kein IMAP Siehe Praxistest unten
Mailbox.org Deutschland kein Dauerhaft-Free-Tarif, nur 30 Tage Test - Ab 1 EUR/Monat
Posteo Deutschland kein Free-Tarif - Ab 1 EUR/Monat, 4 GB
Mailfence Belgien 500 MB E-Mail + 500 MB Dokumente (getrennt) ja, stark eingeschränkt Siehe Praxistest unten
inbox.eu Lettland kein bestätigter Free-Tarif ja, inklusive Ab 9,99 EUR/Jahr (100 GB), schwaches Spam-Management

Nur Infomaniak bietet einen wirklich großzügigen kostenlosen Speicherplatz und macht auf den ersten Blick einen guten Eindruck. Mailbox.org und Posteo scheiden mangels echtem Free-Tarif aus, Tuta fehlt der IMAP-Support, und bei Proton bleiben im Free-Tarif nur 500 MB bis 1 GB Speicher – für einen echten Alltagstest kamen sie daher nicht infrage. Mailfence steht noch aus.

Praxistest Mailfence

Obwohl Mailfence aufgrund der nur 500 MB E-Mail-Speicher kaum ernsthaft infrage kommt, wurde trotzdem ein Testaccount angelegt. Erster Eindruck: Die Website wirkt etwas spartanisch und wenig modern im Vergleich zu den anderen Anbietern.

Weitere Beobachtungen aus dem Testaccount:

  • Kein Sync mit mobilen Geräten über Standardprotokolle: kein POP3, kein IMAP, kein SMTP-Relay.

  • Dokumente lassen sich nur über WebDAV einbinden.

Praxistest Proton

  • Kalender-App: Für Kalender gibt es eine eigene mobile App (Proton Calendar, iOS/Android), nicht nur eine Weboberfläche.

  • Proton Free startet standardmäßig bei 500 MB E-Mail-Speicher. Die vollen 1 GB gibt es nur, wenn man innerhalb der ersten 18 Tage nach Kontoerstellung eine vierteilige Checkliste abschließt (Datenschutzfunktionen ansehen, Importoptionen prüfen, Mobile App herunterladen, Logins bei anderen Diensten aktualisieren). Danach bleibt es dauerhaft bei 500 MB.

  • Free-Konten werden nach 12 Monaten Inaktivität gelöscht (Erinnerungsmails 30/15/7 Tage vorher); die E-Mail-Adresse lässt sich danach in der Regel nicht wiederherstellen. Kostenpflichtige Abos sind ausgenommen.

  • Wie bei Infomaniak ist im Adressbuch nur das Geburtsdatum als Datumsfeld vorgesehen, keine weiteren Anlässe.

Praxistest Tuta

  • Kontakte: neben Geburtstag stehen auch Jahrestag, Anderes und Eigenes (frei definierbar) als Datumsfelder zur Verfügung - im Gegensatz zu Infomaniak und Proton, wo nur ein Geburtsdatum vorgesehen ist.

  • Kein IMAP - die Nutzung ist auf die eigenen Tuta-Clients (Web, Mobile, Desktop) beschränkt, keine Einbindung in externe Mail-Programme möglich.

  • Free-Konten werden nach 6 Monaten Inaktivität gelöscht. Die Adresse wird danach nicht wiederverwendet und bleibt für neue Registrierungen gesperrt - kostenpflichtige Abos sind ausgenommen.

  • Kontowiederherstellung nur über einen bei der Erstellung einmalig ausgegebenen Recovery Code (kein "Passwort vergessen" per Alternativ-E-Mail wie bei Google). Eigener Test: Recovery Code nicht mehr auffindbar - Konto damit vermutlich dauerhaft verloren, auch der Support kann wegen der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nicht helfen.

  • E-Mail-Import ist technisch nur über die Desktop-Clients möglich (Webmail kann wegen der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung keine importierten Daten client-seitig verschlüsseln) und zusätzlich auf die Tarife "Legend" und "Unlimited" beschränkt - im kostenlosen Tarif also gar nicht verfügbar.

Praxistest Infomaniak (my kSuite, kostenloser Tarif)

  •  Viele Import-/Übernahmemöglichkeiten: Infomaniak bietet eigene Migrationsassistenten für den Umzug von Gmail, Outlook, Yahoo Mail und anderen Diensten inklusive Übernahme alter Inhalte - ein klarer Pluspunkt gegenüber den meisten anderen Anbietern im Vergleich.

  •  kDrive mit vollwertigem Sync: Für den Cloud-Speicher kDrive gibt es einen Desktop-Client (macOS/Windows/Linux) mit bidirektionaler Synchronisation sowie Apps für iOS/Android - funktioniert damit genauso wie Google Drive.

  •  Pflicht-Signatur nicht abschaltbar: Jede gesendete Mail trägt den Zusatz „Gesendet mit dem E-Mail-Dienst von Infomaniak, The Ethical Cloud". Er lässt sich nur pro Mail manuell löschen, nicht dauerhaft deaktivieren – erst ein Upgrade auf my kSuite+ entfernt ihn komplett. Gmail kennt eine solche erzwungene Hinweiszeile nicht.

  •  Kein Senden von einer anderen E-Mail-Adresse aus: Anders als bei Gmail („E-Mails senden als") lässt sich im kostenlosen my-kSuite-Tarif kein externes Konto als Absender hinterlegen – auch nicht über Alias oder verbundene Domain.

  •   Kontakte: nur Geburtsdatum: Als Datumsfeld ist im Adressbuch ausschließlich das Geburtsdatum vorgesehen, weitere Anlässe wie Jahres-, Hochzeits- oder Todestage fehlen – anders als bei Google Kontakte mit frei benennbaren Ereignisfeldern.

Kontakte & Kalender

Kontakte und Kalender lassen sich bei den meisten hier verglichenen Anbietern über die offenen Standardprotokolle CalDAV (Kalender) und CardDAV (Kontakte) einbinden – damit ist eine Synchronisation über verschiedene Geräte und Apps hinweg möglich, unabhängig vom jeweiligen E-Mail-Anbieter.

  • Ausnahme Tuta: kein CalDAV/CardDAV - die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung schließt eine Standard-Synchronisation aus. Kalender und Kontakte sind auf die eigenen Tuta-Apps beschränkt; einzige Alternative ist ein Thunderbird-Add-on plus manueller .ics-Import/-Export für den Kalender.

  • Datumsfelder bei Kontakten: Bei Infomaniak ist nur ein Geburtsdatum vorgesehen (keine weiteren Anlässe wie Jahres-, Hochzeits- oder Todestage) - dasselbe gilt bestätigt für Proton und Mailfence, vermutlich ein verbreitetes Muster bei den meisten Alternativen. Tuta ist hier positiv die Ausnahme: eigener Test bestätigt neben Geburtstag auch Jahrestag, Anderes und Eigenes (frei definierbar) - ähnlich flexibel wie bei Google Kontakte.

Maps & Navigation

Offline-Fähigkeit ist kein Ausschlusskriterium, da auch Google Maps im Alltag primär online genutzt wird – bewertet wird daher die dauerhafte kostenlose Nutzbarkeit insgesamt, online wie offline.

App Land / Sitz Kartenbasis Preismodell (Kern-App) CarPlay / Android Auto Status
Google Maps USA eigenes kostenlos beide, voll integriert Referenzpunkt
Waze USA (seit 2013 Google-Tochter) eigenes/Crowdsourcing kostenlos beide, voll integriert Ausgeschlossen - gehört zu Google
HERE WeGo Niederlande (Konsortium u. a. BMW, Mercedes-Benz, Bosch, Continental) eigenes kostenlos beide unterstützt Getestet
OrganicMaps Estland OpenStreetMap kostenlos, Open Source beide unterstützt, CarPlay seit 2021 (2026: eigenes CarPlay-Dashboard) Getestet, Probleme gefunden
OsmAnd Niederlande OpenStreetMap Free (Kartenlimit) + Plus 39,99 EUR einmalig CarPlay nur mit kostenpflichtigem Abo; Android Auto nur in der Google-Play-Version (nicht in F-Droid-Version) Getestet, Probleme gefunden
Magic Earth Niederlande/Schweiz OpenStreetMap Freemium, Offline-Karten seit 2025/26 im Premium-Abo (8,99-14,99 EUR/Jahr) beide unterstützt, in Nutzerberichten als besonders gut gelobt Erster Eindruck positiv
maps.me wechselnde Eigentümerschaft ursprünglich OpenStreetMap, seit 2020 proprietär nur 3 Tage komplett kostenlos, danach Pro-Abo noch nicht verifiziert Eher Randnotiz

Kommerzielle Alternativen wie TomTom (Niederlande, heute reines Jahresabo 19,99 EUR, dafür separate Gratis-App „AmiGo") und Sygic (Slowakei, 7 Tage komplett kostenlos, danach Kernfunktionen gratis/Premium kostenpflichtig) wurden der Vollständigkeit halber recherchiert, sind aber nicht Teil des Kostenlos-Vergleichs.

HERE WeGo

Guter Gesamteindruck. Schwäche im eigenen Test: bei mehrspurigen Straßen und großen Autobahnkreuzen bleibt Google Maps klar überlegen.

OrganicMaps

Arbeitet komplett offline und durchsucht nur zuvor heruntergeladene Kartenregionen. Im eigenen Test führte die direkte Suche nach einem Straßennamen zu keinem Ergebnis, stattdessen erschien der Hinweis, die Region herunterzuladen oder eine nahe Stadt/Dorf hinzuzufügen – für Einsteiger wenig selbsterklärend.

Workaround: Erst die Stadt suchen und über „Herunterladen" die Region laden – danach funktioniert auch die Straßensuche. Bei der Routenplanung selbst werden fehlende Kartenregionen automatisch nachgeladen.

OrganicMaps ist zudem der eigentliche Nachfolger von Maps.me: Nach dem Verkauf von Maps.me 2020 wurde dessen Code proprietär weiterentwickelt, woraufhin die ursprünglichen Kernentwickler Organic Maps als Fork starteten.

OsmAnd

Optisch weniger schön als die Konkurrenz. Der Schalter „Nach Norden ausrichten" ist deaktiviert, trotzdem richtet sich die Karte im Stand nicht sichtbar an der Fahrtrichtung aus – vermutlich normales GPS-Verhalten, da die Bewegungsrichtung erst während der Fahrt berechnet werden kann. Verifizierung im fahrenden Zustand steht noch aus.

Der Suchradius lässt sich in den Einstellungen erweitern (Standard ca. 10 km). Im eigenen Test wurde jedoch selbst bei auf 50 km erweitertem Radius ein nur 42 km entferntes Ziel nicht gefunden – die Suchfunktion arbeitet damit nicht zuverlässig, obwohl das Ziel innerhalb des eingestellten Radius lag.

Weiterer Kritikpunkt: CarPlay-Unterstützung ist bei OsmAnd nur mit einem kostenpflichtigen Abo nutzbar, Android Auto funktioniert zudem nur in der Google-Play-Version der App, nicht in der freien F-Droid-Variante – ein weiteres Beispiel dafür, dass "kostenlos" bei OsmAnd an mehreren Stellen eingeschränkt ist.

Magic Earth

Macht auf den ersten Blick einen guten Eindruck – optisch schön und detailreich. Wichtig: Das Geschäftsmodell hat sich 2025/26 grundlegend geändert. Früher war die App komplett kostenlos inklusive Offline-Karten, seit dem 10-jährigen App-Store-Jubiläum 2025 ist sie Freemium – Offline-Karten sind seitdem Premium-pflichtig. Ältere Testberichte, die die App noch als „komplett kostenlos mit Offline-Karten" beschreiben, sind überholt.

Fazit (vorläufig)

E-Mail: Infomaniak ist beim reinen kostenlosen Speicherplatz (20 GB + 15 GB Cloud) und mit vollem IMAP/POP/SMTP klar vorne, muss sich aber kleinere Komforteinbußen gefallen lassen (Pflicht-Signatur, kein Senden von externer Adresse, nur Geburtsdatum bei Kontakten). Tuta punktet bei den Kontakt-Datumsfeldern, hat aber weder IMAP noch CalDAV/CardDAV und löscht inaktive Konten schon nach 6 Monaten. Proton bleibt im Free-Tarif bei 500 MB bis 1 GB und löscht nach 12 Monaten Inaktivität. Mailbox.org und Posteo haben gar keinen echten Free-Tarif, Mailfence ist mit 500 MB praktisch nicht alltagstauglich. Insgesamt bleibt Infomaniak der praktikabelste kostenlose Kandidat, wenn auch mit spürbaren Abstrichen gegenüber Google Mail.

Maps & Navigation: Von den geprüften Kandidaten sind HERE WeGo und OrganicMaps bislang die praktikabelsten kostenlosen Alternativen - HERE mit gutem Gesamteindruck, aber Schwächen bei komplexen Autobahnkreuzen; OrganicMaps mit einer wenig intuitiven, aber lösbaren Straßensuche. Die Tests zu Magic Earth und OsmAnd sind noch nicht abgeschlossen - Magic Earth macht bislang einen guten ersten Eindruck, OsmAnd hat dagegen schon mehrere Schwächen gezeigt (unzuverlässige Suche, CarPlay nur im Abo). Das endgültige Fazit für den Maps-Teil folgt, sobald beide Tests abgeschlossen sind.

Gesamteindruck (vorläufig): Ein Leben ohne Google scheint grundsätzlich möglich, aber selten ohne Kompromisse - "kostenlos" bedeutet bei den Alternativen fast immer "kostenlos mit Einschränkungen", sei es beim Speicherplatz, bei Protokollen wie IMAP/CalDAV, bei Komfortfunktionen oder durch Lösch- und Inaktivitätsfristen.

Offene Punkte / nächste Schritte

  • Magic Earth testen

  • OsmAnd: weitere Tests zur Suchfunktion, Ursache für das 42-km-Problem eingrenzen

  • Fazit finalisieren, sobald Magic Earth und OsmAnd fertig getestet sind (vorläufige Fassung steht bereits)

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